Veränderte Darmflora Auslöser für CFS?

Das chronische Erschöpfungssyndrom ist schwer zu diagnostizieren und bisher unheilbar. Wissenschaftler konnten nun zeigen: bei den Betroffenen weicht die Zusammensetzung der Darmflora stark von einer gesunden Darmflora ab. Die Erkenntnis könnte bei der Diagnose und der Therapie des chronischen Erschöpfungssyndroms helfen.

Das chronische Erschöpfungssyndrom (engl. chronic fatigue syndrome, CFS) - auch als myalgische Enzephalomyelitis bekannt - ist eine bisher wenig verstandene und immer noch unheilbare Krankheit. Die Betroffenen leiden vor allem unter einer lähmenden geistigen und körperlichen Erschöpfung, kombiniert mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, nicht erholsamem Schlaf und Magen-Darm-Beschwerden.

Schwierige Diagnose

Zum ersten Mal wurde die Krankheit im Jahr 1956 in England beschrieben. Das Bundesministerium für Gesundheit geht heute von etwa 300.000 Betroffenen in Deutschland aus. Weltweit leiden etwa 17 Millionen Menschen unter der Erkrankung. Doch auch 60 Jahre nach der Entdeckung der Krankheit ist die Diagnose schwierig, da eine anhaltende Erschöpfung und die Begleitsymptome auch Hinweise auf andere Erkrankungen sein können. Nur über eine gründliche Anamnese, die andere Erkrankungen wie Angsterkrankungen, Depressionen, Herzrhythmusstörungen, Zoliakie oder Lyme-Borreliose ausschließt, gelangt der behandelnde Arzt letztendlich zur Diagnose: chronisches Erschöpfungssyndrom.

Studie mit 87 Teilnehmern zeigte: Darmflora bei CFS-Patienten aus dem Lot

Das könnte sich bald ändern, denn Wissenschaftler konnten jetzt zeigen: bei vielen Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom ist die Zusammensetzung der Darmflora aus dem Lot geraten. In ihrer Studie1 untersuchten sie Stuhl- und Blutproben von 48 CFS-Patienten und von 39 gesunden Kontrollpersonen. Über Analysen der bakteriellen DNA konnten die Wissenschaftler herausfinden, welche Bakterien im Darm ihrer Probanden vorkommen. Außerdem bestimmten sie die Konzentration von fünf verschiedenen Entzündungsmarkern im Blut der Studienteilnehmer.

Bakterielle Vielfalt vermindert, vermehrt entzündungsfördernde Bakterien

Das Ergebnis: Bei Patienten mit CFS fanden die Wissenschaftler deutlich weniger Bakterienarten im Darm als bei gesunden Probanden. Es fehlten hauptsächlich die als entzündungshemmend geltenden Arten des Stammes Firmicutes, während die entzündungsfördernden Bakterien in der Überzahl waren. Ein ähnliches Phänomen ist auch von Patienten mit chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn bekannt.
Wie bei Reizdarmpatienten waren auch bei CFS-Erkrankten die Proteobakterien im Übermaß vorhanden. Vertreter dieser Bakterienabteilung können die entzündliche Umgebung im Darm ausnutzen, um Energie zu gewinnen und ihr eigenes Wachstum anzutreiben.

Alle gemessenen Entzündungsmarker erhöht

Die Blutwerte der Patienten mit CFS deuteten zudem auf eine Entzündung im Körper hin, da alle Werte der getesteten Entzündungsmarker erhöht waren, darunter auch das Lipopolysaccharid-bindende-Protein - ein an der Immunantwort gegen bestimmte Bakterien beteiligtes Enzym.
Die Wissenschaftler schließen aus ihren Ergebnissen: Die Bakterien müssen durch eine undichte Darmwand ins Körperinnere gelangt sein und dort eine Reaktion des angeborenen Immunsystems ausgelöst haben, die sich in einem Anstieg der Entzündungsmarker im Blut nachweisen lässt.

Veränderte Darmflora Ursache oder Folge?

Unklar ist aber bisher noch, ob die veränderte Darmflora Ursache oder Folge der chronischen Müdigkeit ist. Bis die kausalen Zusammenhänge geklärt sind, eignen sich die Erkenntnisse der Forscher aber zur Diagnosestellung des CFS. Denn als die Wissenschaftler die Messwerte in ein Computerprogramm eingaben, konnte es mit einer Treffsicherheit von 83 Prozent vorhersagen, ob der betreffende Patient an CFS leidet.

Therapie mit Probiotika

Die Forscher hegen auch die Hoffnung, den Betroffenen über eine Remodulation der Darmflora helfen zu können. Da Magen-Darm-Beschwerden eine häufige Begleiterscheinung des CFS sind, gab es dazu bereits erste, erfolgreiche Versuche mit oral oder rektal verabreichten Probiotika.2 Ob der Behandlungserfolg von Dauer war, ist allerdings nicht ausreichend dokumentiert. Hier besteht noch Forschungsbedarf. Auch eine Ernährungsumstellung könnte helfen, die Zusammensetzung der Darmflora positiv zu beeinflussen.

Auf den Punkt gebracht:

  • Das chronische Erschöpfungssyndrom (engl. chronic fatigue syndrome, CFS) - die myalgische Enzephalomyelitis - ist bisher wenig verstanden und unheilbar.
  • Die Diagnose ist schwierig.
  • Eine Studie mit 87 Teilnehmern zeigte: Die Darmflora ist bei CFS-Patienten aus dem Lot.
  • Die bakterielle Vielfalt ist vermindert, die entzündungsfördernden Bakterien sind dagegen vermehrt und die Entzündungsmarker erhöht.
  • Die kausalen Zusammenhänge sind noch nicht geklärt.
  • Eine Therapie mit Probiotika ist denkbar.

Literatur:

1 Giloteaux, L et al. Reduced diversity and altered composition of the gut microbiome in individuals with myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome. Microbiome. 2016 Jun 23;4(1):30.

2 Borody TJ, Nowak A, Finlayson S. The GI microbiome and its role in chronic fatigue syndrome: a summary of bacteriotherapy. ACNEM J. 2012;31(3):3–8.


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