Mundbakterien mögliche Auslöser für Darmerkrankungen

Sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa womöglich Infektionserkrankungen? Hinweise darauf liefert eine Studie japanischer Wissenschaftler, die Ende 2017 im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde. Demnach könnten Mundbakterien der Gattung Klebsiella über den Speichel in den Darm gelangen und dort unter bestimmten Umständen zu chronischen Entzündungen führen.

Ein gesunder Erwachsener produziert ca. 1,5 Liter Speichel pro Tag, der mit der Nahrung in den Darm gelangt – und mit ihm die Bakterien, die im Speichel leben. Finden die Mundbakterien dort gute Bedingungen vor, siedeln sie sich dauerhaft im Darm an und können Entzündungen verursachen. 

CED-Patienten beherbergen vermehrt Mundbakterien im Darm

Bereits vor einigen Jahren hatten die Wissenschaftler von der Keio-Universität in Tokio bemerkt, dass Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen häufig Bakterien in ihrem Darm beherbergen, die bei gesunden Menschen hauptsächlich in der Mundhöhle vorkommen. Daher prüften sie an einem Tiermodell, ob diese Mundbakterien tatsächlich eine chronisch entzündliche Darmerkrankung auslösen könnten. Dazu isolierten sie Bakterien aus dem Speichel von CED-Patienten und übertrugen sie auf keimfreie Mäuse. Manche Tiere reagierten auf die Mundbakterien mit einer starken Entzündungsreaktion im Darm.

Klebsiella-Arten stoßen Entzündungsreaktionen an

Weitere Untersuchungen der Forscher zeigten: An diesen teilweise heftigen Immunreaktionen waren die beiden Bakterienarten Klebsiella pneumoniae und Klebsiella aeromobilis schuld. Sie kommen normalerweise in der Mundflora vor und hatten bei den Mäusen die Vermehrung der T-Helfer-1-Zellen (Th-1) verstärkt.

Der Effekt von Klebsiella wurde auch bei einem weiteren Versuch mit gesunden Mäusen deutlich, doch nicht alle Tiere erkrankten gleichermaßen: Bei gesunden Mäusen konnten sich die Bakterien aus dem Speichel von CED-Patienten nur dann im Darm vermehren, wenn die Tiere zuvor eine Antibiose erhalten hatten.

Keine Antibiotika bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Vor einer Antibiotika-Einnahme warnt Coautor Professor Dr. Ramnik Xavier von der Harvard Medical School seine CED-Patienten schon seit geraumer Zeit. Der Grund dafür: Wer unter einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung leidet und sich früh im Krankheitsverlauf einer Antibiose unterzieht, hat später wahrscheinlich mehr Komplikationen als Patienten, die kein Antibiotikum einnahmen. Da Ärzte häufig eine Infektion als Ursache der Beschwerden vermuten, sind Antibiosen im Frühstadium einer CED keine Seltenheit.1

Zwei Phänomene lassen sich mit Hilfe der Beobachtungen der Forscher erklären:

1.      Antibiotika können den Krankheitsverlauf von CED-Patienten meistens nicht wesentlich verbessern: Klebsiella-Bakterien sind oft gegen viele Antibiotika resistent.

2.      Häufige antibiotische Behandlungen in der Kindheit erhöhen das Risiko, später an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung zu erkranken: Nur wenn die natürliche Darmflora durch eine Antibiotika-Therapie aus dem Gleichgewicht geraten ist, haben Klebsiella-Bakterien eine Chance, sich im Darm anzusiedeln.

Auch genetische Prädisposition spielt eine Rolle

Doch Antibiotika alleine reichen offenbar nicht aus, um eine Entzündung im Darm auszulösen, denn nur Tiere mit einer genetischen Prädisposition erkrankten nach einer Antibiose. Die genetische Variation beeinflusste die Immunantwort, die die Klebsiella-Bakterien auslösten.

Im Darm werden die Bakterien zuerst von den dendritischen Zellen, den Wachposten des Immunsystems, aufgenommen und analysiert. Im Anschluss rekrutieren die dendritischen Zellen die T-Helfer-Zellen, die wiederum eine Entzündungsreaktion (TH1-Reaktion) in Gang bringen. Haben die Tiere einen Defekt in einem Gen, das für die Immunreaktion der dendritischen Zellen essentiell ist, erleiden sie auch keine Entzündungsreaktion. Dieser Versuch stützt die bisherige Annahme, die Ursache für CED läge in einer fehlgeleiteten Reaktion des Immunsystems auf die Darmbakterien begründet.

Die Bakterien aus der Mundhöhle bieten einen neuen Behandlungsansatz für Patienten mit CED. Forschungsarbeiten zur gezielten Bekämpfung potentiell pathogener Klebsiella-Arten laufen bereits.

 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Chronisch entzündliche Darmerkrankungen könnten durch Klebsiella-Arten, die normalerweise in der Mundflora vorkommen, ausgelöst werden.
  • Über die dendritischen Zellen regen die Klebsiella Bakterien die Vermehrung der T-Helfer-1-Zellen (Th-1) an. Es kommt zu Entzündungsreaktionen.
  • Nur bei einer (durch Antibiotika) gestörten Darmflora können sich die Mundbakterien im Darm ansiedeln.
  • Zu einer Entzündungsreaktion kommt es nur, wenn eine genetische Prädisposition vorliegt.
  • Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sollten auf Antibiotika möglichst verzichten.

 

Quellen:

1 Atarashi, K. et al. Ectopic colonization of oral bacteria in the intestine drives TH1 cell induction and inflammation. Science. 2017 Oct 20;358(6361):359-365.

2 Gevers, D. et al. The treatment-naive microbiome in new-onset Crohn's disease. Cell Host Microbe. 2014 Mar 12;15(3):382-392.


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