Wie Zahnfleischentzündungen an der Krebsentstehung beteiligt sein könnten

Die Assoziationen sind stark: Wer unter einer Parodontitis litt, hat ein erhöhtes Risiko später an Krebs zu erkranken. Alkohol- und Tabakkonsum verschärfen das Problem. Noch sind die Zusammenhänge nicht kausal belegt, Wissenschaftler haben die pathogenen Mundbakterien jedoch bereits in verschiedenen Tumorarten nachgewiesen.

Immer wieder werden pathogene Mundbakterien mit Krebs assoziiert. So auch in einer großen Kohortenstudie1 mit 65.869 Frauen im Alter von 54 bis 86 Jahren. Das Ergebnis: Frauen mit Zahnfleischerkrankungen entwickelten 14 % häufiger Krebs als solche mit gesunden Zähnen und Zahnfleisch. Am deutlichsten zeigte sich der Zusammenhang bei Speiseröhrenkrebs, aber auch bei Lungen-, Gallenblasen-, Brust- und Hautkrebs.

Dreimal häufiger Speiseröhrenkrebs

Zu Beginn der Studie gab jede Frau mittels eines Fragebogens Auskunft über ihre Parodontal-Gesundheit. Im Anschluss wurde der Gesundheitsstatus der Frauen über acht Jahre lang verfolgt. Im Beobachtungszeitraum entwickelten 7.149 Frauen Krebs. Insgesamt erkrankten Frauen mit einer Vorgeschichte an Parodontal-Erkrankungen mehr als dreimal so häufig an einem Ösophagus Karzinom. Der Zusammenhang liegt nahe, denn die Speiseröhre befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Mundhöhle, so dass parodontale Erreger leichter Zugang zur Speiseröhrenschleimhaut erhalten, diese infizieren und das Krebsrisiko an dieser Stelle fördern können.

Frauen mit Zahnfleischerkrankungen erkrankten außerdem fast doppelt so häufig an Gallenblasenkrebs wie Frauen mit gesundem Mundraum. Ihr Risiko für Lungenkrebs, Hautmelanome und Brustkrebs wurde ebenfalls um 31%, 23% bzw. 13% erhöht.

Führt Bakterienplaque zu Krebs?

Zahnfleischerkrankungen werden durch Bakterien-Plaque verursacht, der sich mit der Zeit an Zähnen und Zahnfleisch bildet. Im Frühstadium, der sogenannten Gingivitis, kann das Zahnfleisch leicht geschwollen sein und bluten. Eine gute Zahnhygiene wirkt sich positiv auf den Verlauf der Gingivitis aus. Verbleibt der Plaque jedoch auf den Zähnen, kann es zu einer Parodontitis kommen. Dabei entzündet sich das Zahnfleisch und bildet Taschen um die Zähne herum. In diesen Taschen und rund um die freiliegenden Zahnhälse bleiben Nahrungsreste bevorzugt hängen und bilden dort ideale Überlebensbedingungen für Bakterien. Im Laufe der Zeit vermehren sich Bakterien, Entzündungen und Immunreaktionen des Körpers. Am Ende der Kette steht der Zahnverlust – und möglicherweise auch Krebs. 

Alkohol fördert Wachstum pathogener Mundbakterien

Bekannt ist: Wer raucht und trinkt, hat ein höheres Risiko, eine Parodontal-Erkrankung zu erleiden als andere. Dieser Zusammenhang bestätigte sich auch in der Kohortenstudie. Alkohol schädigt nicht nur die Leber, sondern auch die Mundflora. Denn der Alkohol im Mundraumsorgt dafür, dass sich pathogene Bakterien besser vermehren können, gesundheitsfördernde Keime werden jedoch vom Alkohol in ihrem Wachstum ausgebremst. Im Rahmen einer Studie2 ermittelten Wissenschaftler das Mund-Mikrobiom ihrer Probanden. Das Ergebnis: Je mehr Alkohol ein Proband trank, desto größer waren die Veränderungen in seiner Mundflora verglichen mit Probanden, die keinen Alkohol tranken. Mit zunehmendem Alkoholkonsum nahmen die Milchsäurebakterien in der Mundflora ab, während andere Bakteriengruppen wie Aktinomyceten und Neisserien vermehrt nachweisbar waren. Ob für diesen Effekt nur Alkoholmenge oder auch die Art des alkoholischen Getränks ausschlaggebend ist, ist noch nicht geklärt.

Auch Abstinente mit Parodontitis betroffen

Doch auch ohne die Risikofaktoren Rauchen und Alkohol blieb bei Melanomen und Krebserkrankungen des Magen-Darm-Traktes der Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankungen und einem erhöhten Krebs-Risiko auch bestehen. Bei Nichtraucherinnen war eine Parodontitis immer noch mit einem insgesamt um 12 % erhöhten Krebsrisiko verbunden.

Durch Schlucken oder Einatmen verbreiten sich Bakterien vermutlich im Körper

Ob die bakteriellen Krankheitserreger in der Mundhöhle ursächlich mit der Krebsentstehung verknüpft sind, ist bisher noch nicht geklärt, da kausale Zusammenhänge grundsätzlich in Beobachtungsstudien nicht untersucht werden können. Vermutungen äußerten die Wissenschaftler aufgrund der starken Assoziation jedoch bereits: "Die Erreger können durch den Speichel in verschiedene Körperregionen gelangen und beim Schlucken mit Magen und Speiseröhre in Kontakt kommen oder durch Einatmen in die Lunge gelangen", so Studienleiter Wactawski-Wende von der University of Buffalo im Bundestaat New York, USA. Entzündet sich das Zahnfleisch durch bakterielle Erreger, können Krankheitserreger - oder krankmachende Toxine – auch das Gewebe durchdringen und in den Blutkreislauf und von dort in andere Körperregionen gelangen.

Prof. Ngozi Nwizu vom University of Texas Health Science Center in Houston bestätigt: "Bestimmte Parodontal-Bakterien fördern nachweislich auch in kleinen Mengen Entzündungen; und diese Bakterien wurden bereits aus einigen Tumorarten einschließlich Speiseröhrenkrebs isoliert“.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Beobachtungsstudie mit ca. 65.000 postmenopausalen Frauen: Frauen mit Zahnfleischerkrankungen entwickelten 14 % häufiger Krebs als solche mit gesunden Zähnen und Zahnfleisch.
  • Deutlichster Zusammenhang bei Speiseröhrenkrebs
  • Alkohol verändert die Zusammensetzung der Mundflora negativ: Die Schutzflora nimmt ab, pathogene Bakterien zu.
  • Erreger könnten sich durch Schlucken, Einatmen oder über entzündetes Zahnfleisch über die Blutbahn ausbreiten.
  • Erreger wurden bereits in Tumoren nachgewiesen.

Quellen:

1 Nwizu, N. N. et al. Periodontal Disease and Incident Cancer Risk among Postmenopausal Women: Results from the Women's Health Initiative Observational Cohort. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2017 Aug;26(8):1255-1265.

2 Fan, X. et al. Drinking alcohol is associated with variation in the human oral microbiome in a large study of American adults. Microbiome. 2018 Apr 24;6(1):59.


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